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Wo warst du


 Wo warst du

Ich zog die Gurte des Rucksacks fester, aber auch dann drückte das Instrument gegen meine Wirbelsäule. 
„Sag‘ mal Papa…“ Mein Sohn hinter mir auf seinem Fahrrad klingelte und zwei ältere Damen trippelten erschrocken zur Seite, stürzten fast hinein in den Orientladen neben dem Crowne Plaza Hotel. Ich konnte mir ein Lächeln nicht verkneifen. Hätte ihnen vielleicht gut getan, eine Packung Madras Curry aufgeschwatzt zu bekommen. 
„Ja?“ Ich drehte mich halb zu meinem Sohn um.
„Hast du Mama gesagt, wo wir sind?“
Habe ich. Sie weiß Bescheid. Auch, dass es etwas länge dauern kann, schon weil du das erste Mal dabei bist.“
Wir hielten an der Ampel an der Rohrbacher Straße, die von Süden auf den Bismarckplatz zulief, den wir jetzt gleich umrunden würden. Schräg gegenüber, hinter der Kreuzung, standen die Leute vor dem Coffee Nerd, dem besten Café der Stadt, und genossen die letzten Strahlen der Sonne an diesem kühlen Februartag. Zwei Mannschaftswagen der Polizei rollten an uns vorbei in den Gaisbergtunnel vor uns, die Ampel schaltete auf Grün. Warum hatte ich Julian bis jetzt nie mitgenommen? Weil diese kleinen Fenster mir gehörten, wie einige andere auch, die ich aber in den letzten Jahren nach und nach für ihn geöffnet hatte. Zum Beispiel das Auseinandernehmen meines Vespas am Samstagnachmittag, wobei es nicht darauf ankam, dass der Motor danach runder lief (das tat er sowieso nicht), sondern es darum ging, die Einzelteile zu schätzen, die Glätte des Metalls, das Spiel der Elemente der Maschine, meine öligen Finger so bleigrau glänzend wie sie. Oder abends hinüber fahren zum Flughafen  Mannheim Neuostheim, und beobachten, wie die kleinen Flugzeuge gegen den Wind starteten, fotografieren, ohne zu zielen, und die Bilder nachts, wenn Jessie schlief, in der Dunkelkammer zu entwickeln. Der Propeller scheint auf den Bildern oft stehen zu bleiben, als habe eine mächtige unsichtbare Hand hineingegriffen. Julian staunt dann genauso wie ich, wie aus dem Rotlicht zwischen zwei Wimpernschlägen jene andere Welt heraustritt, die wir vor ein paar Stunden verlassen haben… Aber trotzdem gibt es Räume, Zellen, besser gesagt: diesen einen Raum, den ich nur für mich aufschließe, vielleicht weil ich mich scheue, meinem Sohn die Emotionen zu zeigen. Selbst ihm gegenüber, oder gerade ihm, sind sie mir zu intim. 
Wir rollten Richtung Tunnel an den Arztpraxen vorbei, und wie fast immer wunderte ich mich, wie nah der Wald der Stadt doch ist, wie die grünen mächtigen Arme Heidelberg fast umarmen. 
„Wohin fahren wir denn? Gibt’s da auch was zu essen?“
„Ein Vanillecroissant vielleicht für den Herrn?“ 
„Deal!“, rief Julian und wir zischten über den Zebrastreifen. Er wich mit einer kühnen Kurve einer Frau aus, hochschwanger, mit dunklem Teint und in einem enganliegenden beigen Strickkleid. 


m Deutsch-Amerikanischen Institut, einem Sandsteingebäude mit breiter Veranda und gesäumt von einer Flaggenparade vorbei, dann am Bismarckplatz, auf dem ein paar Buden standen, von denen der Duft nach gebrannten Mandeln und gegrillten Würstchen zu uns herüberzog. 
„Immer geradeaus, Jule, über die Brücke und dann rechts runter.“
Hinter den grünen Holzgittern, die über dem Geländer angebracht waren, wohl um den Wind abzuschirmen, konnte ich das Schloss und die Berge über der Altstadt kaum erkennen, nur Strichzeichnungen, die mit Pastelltönen ausgefüllt waren. Durch eine Lücke erspähte ich weit hinten, dort, wo der Neckar eine Biegung macht, das Kloster Stift Neuburg über flachen Grashängen, die kurz aufleuchteten, als die Sonne es noch einmal durch das Gespinst am Himmel schaffte.   
Die Uferstraße war seltsam leer, aber mir war das nur recht. An entgeisterte Blicke und belustigte Blicke hatte ich mich gewöhnt, aber es fällt mir, auch nach vielen solcher Sessions, leichter, wenn ich allein bin, jedenfalls am Anfang. Und manchmal verhindert es den Shift. 
An der Alten Brücke gab ich Julian ein Zeichen. Wir schoben unsere Räder über den Neckar, hinüber zur Altstadt in die Steingasse, die die mächtige Heilig-Geist-Kirche, auf die sie zuläuft, abzuschließen scheint. Links zwei Wirtshäuser, rechts das „Casa del Caffè“ und eine Eisdiele, aus der gerade zwei junge Frauen herauskamen, mit ihren Eisbechern wie mit Trinkgläsern anstießen und lachten. Hand in Hang gingen sie an uns vorbei. Ich öffnete die Tür des „Casa“ und wir traten ein. Ein langgezogener kleiner Raum mit Stehtischen, links ein Regal mit gebrauchten Büchern, rechts die Bar, auf der die Espressomaschine thronte. Das Mädchen dahinter, eine Studentin aus Mexiko mit einem langen schwarzen Zopf, ließ Dampf in ein Stahlkännchen zischen.
„Hey Maria, wie geht’s?“
„Patrick! Lange nicht gesehen!“ Sie stellte eine Tasse unter den kleinen metallenen Schnabel der Espressomaschine und drückte auf einen Knopf. „Mein Bruder ist zu Besuch, endlich ein wenig Familie. Ich fühle mich gut!“ Sie stellte den Cappuccino auf die Theke. „Was möchtest du?“
„Einen Caffé latte zum Mitnehmen.“ Ich stellte mein Glas neben die Zuckerschale. „Ach ja, und ein Vanillecroissant.“ Julian drückte meine Hand.
„Was macht dein Business?“ Maria zog mit einer Zange das Gebäck aus der Vitrine.
„Ach, mal so, mal so. Um ehrlich zu sein, wächst mir gerade alles über den Kopf.“ Ich zuckte mit den Schultern. „Aber es wird schon werden.“ Meine Firma organisierte die Bürgerbeteiligung für Städte und Gemeinden. In Wellen entschieden sie sich, dafür, alles selbst durchzuziehen – Kaltakquise olé, und wir griffen die Rücklagen an, um die Miete für das Büro zu bezahlen – , oder die Damen und Herren waren der Meinung, sie bräuchten unabhängige Spezialisten wie uns. Wie zurzeit. „Habe ich mal erwähnt, dass ‚selbstständig‘ von ‚selbst‘ und ‚ständig‘ kommt?“
Maria lächelte, ihr braunes kleines Gesicht schien mit Kupferfäden durchzogen. „Jedes Mal, wenn du hier bist.“ In ihren Wangen bildeten sich die beiden kleinen Dreiecke, die ich so mochte. „Und jetzt hast du gerade die einzige Pause der Woche.“
„Du sagst es.“ Ich nahm das Glas und die Tüte.
„Schön, dass du dann planst, euer Team zu erweitern!“ Ihre Augen wurden groß und blitzten, und hätte die Frau in der Ecke nicht nach einem weiteren Aperol gekräht, sie hätte schallend gelacht. Stattdessen sagte sie: „Komm‘ mal wieder vorbei, hörst du? Ich habe freitags und sonntags Dienst.“
Ich versprach es ihr und wir gingen hinaus. 
Wir gingen durch das gestreifte Tor und auf die Brücke, die sich in einem leichten Bogen nach oben wölbte, direkt dahinter, so sah es aus, wuchsen die Gärten und Mäuerchen hoch, über denen sich der Philosophenweg, jetzt nur durch die schmale Linie des Geländers erkennbar, dahinzog. Ich gab Julian die Tüte. „Na, habe ich dir zu viel versprochen? Aber wir teilen, okay?“
„Klar, Papa. – Wo geht es denn los? Dort vielleicht?“ Julian deutete auf eine Ausbuchtung der Balustrade, wie ein Balkon, genau in der Mitte der Brücke. Er rannte voraus, sein schwarz-gelber Schal flatterte auf und ab. „Hier!“
Ich folgte ihm, meine Finger strichen über den fleckigen Sandstein der Brüstung. Die Brücke war bis auf uns menschenleer, am Himmel hatten sich die Wolken über die Hügel auf beiden Seiten des Flusses verzogen, nur über dem Philosophenweg schauten ein paar Zipfel hervor, wie die Fransen eines Teppichs. Ein paar Sterne schimmerten durch das blassdunkle Blau über dem Fluss. 
„Na ja, ich weiß nicht recht… Vielleicht muss ich dir erst einmal was erklären, Julian.“ Der Schaum auf dem Cappuccino war ein wenig zusammengesackt und hinterließ bräunliche Schlieren im Glas, schmeckte herb, fast verbrannt, genau richtig. Mein Sohn sah mich an, seine Augen dunkel und still. „Es ist jedes Mal wieder ein Experiment, uns ich weiß nie, was genau passiert. Was möglich ist. Nur… es ist nicht gefährlich, auch wenn es so aussieht. Zunächst.“ Ich nahm noch einen Schluck und reichte mit einem Lächeln meinem Sohn das Glas. „Ausnahmsweise, aber kein Wort zu deiner Mutter.“ Julian nickte und trank einen kleinen Schluck. Das Wasser unter uns floss in unterschiedlichen Richtungen, in Ufernähe zum Karlstor hinter uns, in der Mitte flussaufwärts. An manchen Stellen zeigten sich klare Stellen, die dahin und dorthin wanderten, das glitzernden Geflecht dazwischen übermooste sie und brachte sie an ander Stelle neu zum Blühen. Ich beugte mich über die Brüstung. Ein schmaler Absatz, mit einer glatten Leiste aus Metall. Nicht schlecht. Der Lautsprecher wog schwer in meiner Hand und ich stellte ihn neben das Glas auf den Sandstein. Die Songs fand ich sofort in meinem Handy. 
„Hast du schon einmal erlebt, dass sich in deiner Erinnerung ein Lied mit einem Ort verbunden hat? So dass du ihn sofort wieder vor dir gesehen hast, wenn du es nochmal gehört hast?“
Mein Sohn überlegte und tastete mit der Zunge nach dem dünnen Milchbart. „Na ja, schon. Als wir mal Boxauto gefahren sind, haben die das Flieger-Lied gespielt, und vor ein paar Tagen hat Frau Bachmann in der Schule es laufen lassen und ich habe gedacht, gleich bumst der Tisch gegen mein Knie. Wie wir damals mit dem Auto.“ Er brach das Croissant auseinander, überlegte kurz, dann hielt er mir das vermeintlich kleinere hin. „Ist das auch so eine Bindung, wie du meinst?“
Auf einmal fiel mir ohne erkennbaren Anlass ein, dass ich dringend mit meinem Partner über die Bilanzen sprechen musste, am besten gleich am Montag früh, über die Zahlen, die trotz der Woge an Aufträgen in letzter Zeit vorne und hinten nicht passten. Mein Nacken schien plötzlich zu brennen, aber ich riss mich zusammen. Mein Sohn, hier und jetzt war wichtig, die Songs. Der Shift. „Ja, genau das. Was wäre denn, wenn man die Erinnerung schaffen könnte, bevor sie vorbei ist?“
Er kniff die Augen leicht zusammen und hielt den Kopf schief, die ewigen blassvioletten Schatten über den Wangenknochen schienen sich zu vertiefen, als hätte er sie mit Ruß nachgefahren. 
„Ich habe so ein kleines Hobby“, begann ich von Neuem. „Es gibt Songs, die haben die Kraft, die Welt zu verändern. Also wirklich wirklich, nicht nur so als Spruch.“ Ich zögerte kurz. „Man spielt sie, und die Umgebung, ich, heute auch du, wir nehmen sie auf. Und dann passiert etwas, das ich den Shift nenne. Jedenfalls manchmal.“
Der Shift. Ein besseres Wort ist mir nie eingefallen, nicht in all den Jahren. Nicht damals auf jener Glühwürmchen-Farm mitten im indonesischen Dschungel, ich hatte eine Hütte gemietet, auf der sich ein Trupp Affen dahingefläzt hatten, das Polyester-Bettlaken trof von meinem Schweiß, ich ließ aus einer Laune heraus „Forever Young“ von Alphaville aus meinem kleinen CD-Player schweben, so leise, dass ich es kaum hörte, und es dennoch geschah. Es muss aber kein exorischer Ort sein. Vor ein paar Monaten besuchte ich meine Eltern und im Dorf war eine Umleitung ausgeschildert, die mich direkt an der Grundschule vorbeiführte, die ich vor ein paar Jahrzehnten besucht habe. Es war an einem frühen Samstagmorgen im Juli, und der Schulhof, frisch geteert, schwitzte das Bitumen aus. Ich setzte mich auf eine Bank unter die knisternd-trockenen Ahornbäume und anfangs wollte kein Lied passen, die Töne nicht zu dem Klettercubus (den es zu meiner Zeit noch nicht gab), die Räume zwischen den Tönen nicht zu dem aufgemalten Drachen direkt vor mir. Ich erkenne ihn zunächst nicht, obwohl mir die sirrenden Streicher vertraut sind, die Posaunen in ihrem dunklen Klang lassen die Hitze ockerfarben verblasst erscheinen, es ist der „Tanz der Ritter“ aus Prokofjews Ballett „Romeo und Julia“, und zum Stampfen und Schreiten des Basses weitet sich das alte Gebäude, formen sich die etwas überstehenden Eckfenster zu gläsernen Zinnen, an jenem längst verblassten Sommertag… 
aber ich schweife ab, sorry. Wir drei sind auf der Alten Brücke in Heidelberg, und es geht endlich los. Die steinernen Statuen von Carl Theodor rechts und links von uns könnten später hilfreich sein. Ich schaltete den Lautsprecher ein.
„Aber welche Songs, Papa? Doch nicht das Flieger-Lied?“ Julian steckte die Hände in die Taschen. Sieben Minuten und neun Sekunden. So lange liefen die beiden Titel. Ich hatte es nie probiert mit mehr als einem Stück, aber…
„Nein, nicht das, obwohl es vielleicht auch funktioniert“, ich lächelte, „aber wenn, dann nur bei dir, nicht bei mir. Bei uns beiden“, verbesserte ich mich. „Die Musik, die ich für diese Abenteuer aussuche, muss schon einen Bezug haben, zum Ort, zu der Zeit. Und genau heute vor 55 Jahren, am 17. Februar 1967, kam eine Single, also eine Platte mit nur zwei Songs, heraus, und die will ich jetzt ausprobieren.“ Mit einem Löffel schöpfte ich ein wenig Milchschaum von meinem Cappuccino. „Außer dem Datum haben ‚Penny Lane‘ und ‚Strawberry Fields‘ von den Beatles absolut nicht mit diesem Moment zu tun. Soweit ich weiß, war die Band nie in Heidelberg.“
Julian spielte mit einem der Schlösser, die Verliebte an einem der Ringe im Sandstein hinterlassen hatte. „Es ist halt so ein Feeling.“
Ich schob ihm das Haar aus der Stirn. „Genau. Ein Feeling, dass es passt. Wer weiß, warum.“
Ein paar dünne Wolkenlinien wie zwei Sprossen einer Leiter wanderten jetzt hoch über uns durch das makellose Blau, der Abendstern erklomm die untere und schien zu blinken, wie ein verirrter Satellit. Der Lautsprecher auf der Balustrade. Bluetooth-Verbindung. Den Song angewählt. Es konnte losgehen. „Noch was, Jules… du musst keine Angs haben, es kann nichts passieren, auch wenn dein Verstand dir das weismachen will.“ Ich nahm den letzten Schluck Kaffee. Um es mit Johns Worten zu sagen: „Nothing to get hung about.“
Die ersten Klänge von „Strawberry Fields“, verschattet, Julian nahm den Lautsprecher in die Hand. „Lauter?“, fragte ich.
„Ja.“ Er hatte den Knopf schon gefunden und stellte das Gerät zurück. Der Song begann von Neuem, Klänge wie von einer Kinderorgel, versponnen und geisterhaft, hüllten uns ein in einen purpurnen Kokon. Johns Stimme zögernd, so kommt es mir vor, „Let me take you down cause I’m going to…“. Julian rückte etwas näher zu mir, sein Kopf reichte schon auf die Höhe meiner Rippen. Ich legte meinen Arm um ihn. Die Bassgitarre setzt ein, warm und voll, Lennons Worte nun fester, nicht wie sonst dünn und durchsichtig, wie ich ihn in Erinnerung hatte. Vor meinem inneren Auge flackert hohes Gras empor, an tausend goldenen Nachmittagen, das Auf- und Absägen der Grillen, nur eine zurechtgeflicktes Klischee meiner Erinnerung… Heute würde nichts geschehen, dieses Mal, da war ich mir jetzt sicher. Julian schaute auf die Uhr. Weit hinten, unter der Brücke  am Bismarckplatz, schon sich ein riesiges Frachtschiff auf uns zu. Der Wind frischte auf, und fast im selben Augenblick, als hätte er den Weg durch das Glas gefunden, flackerten die Laternen und warfen einen kreidigen Schatten hinter uns, wie die Lehne eines Sofas. Von der ich mich jetzt abstieß, und schon stand ich auf der Balustrade. Der Fluss war paradoxerweise viel näher und härter, wie ein Boulevard, der mit kleinen glitzernden Strohballen bedeckt ist, über die der Wind weht… Julian sah mich von unten an. „Papi, komm wieder runter. Bitte.“ Er zupfte an meiner Hose. 
„Hör‘ einfach auf den Song“, sagte ich. „und mach’ die Augen zu.“ Mein Lachen stekcte ihn nicht an, und er folgte auch nicht meinem Rat, wiederholte nur: „Bitte! Papi!“ Der Lastkahn befand sich jetzt auf Höhe der Stadthalle. Er hatte Kies geladen, ein fast perfekt geformter Kegel, ein paar Fahrräder darauf abgelegt, als hätten ein paar Kinder den Daumen gehoben, das Schiff sie und die Räder mitgenommen, flussabwärts. Die Bläser setzten jetzt im Stakkato ein, kontrapunktierten die Melodie, als wollten sie die Aufforderung meines Sohnes verstärken. Aber ich hatte mich getäuscht, er stand schon neben mir, und im Gegensatz zu mich schwang er nicht leicht vor und zurück wie ein Wolkenkratzer bei einem leichten Erdbeben, sondern entspannt wie am Geländer eines Fußballplatzes. Er zeigte nach oben. Wie weit ist der Stern weg? Eine Million Kilometer? Und die Wolken? Die sind doch aber näher, oder?“
„Kommt darauf an.“ Johns Worte jetzt hell und klar, füllten den Raum zwischen dem „Vier Jahreszeiten“ und dem Hang auf der anderen Seite aus, ja, erreichen sicher auch die Neckarwiese weit hinten, an der Kahn jetzt vorbeizieht. Im Sommer kicken Julian und ich dort immer, unsere Jacken und Rucksäcke als Tore. Dein Kreischen, wenn der Ball Richtung Wasser rollt. Dein Blick, wie Nadeln aus Titan, wenn du den Ball voll treffen willst Deine verschwitzte Stirn, die du mit der Flasche kühlst.
Wer von uns beiden den ersten Schritt wagte, darauf vertraute, dass es gelingen würde, weiß ich nicht mehr. Ich glaube, es war Julian, er hatte den Arm noch ausgestreckt, ließ ihn sinken, und er muss den Flaum gespürt haben, die seidigen und doch festen Fasern, die auf der Unterseite des einen Wolkenbands hin und her blinzelten. Seine Finger zuckten zurück, streiften dann wieder das Geflecht. Die Sprosse Mein Blick fiel auf die Statue rechts von mir, Carl Theodor wie ein Feldherr betrachtete er den Fluss und seine Stadt, eine Frauengestalt, die Pietatia, die Frömmigkeit, lag zu seinen Füßen die eine Hand hielt die geöffnete Bibel, die andere das Kreuz, die Augen bedeckt durch ihr Haar. Ich ging auf der Brüstung an Julian vorbei und strich es ihr aus dem Gesicht, ihre Augen senkten sich, als dürfe sie  mich – oder das, was wir taten – nicht sehen. Im selben Augenblick flgoen ein paar Krähen unter uns durch die Brücke und stoben auf der anderen Seite mit rohen Schreien nach oben. 
„Die weißen langen Bällen da drüben…“, sage Julian.
„Die Bojen“, verbesserte ich ihn.
„Die Bojen. Meinst du, wir können da mal drauf?“
„Wir probieren’s einfach!“ Klang meine Stimme etwas schrill und aufgekratzt? Ich verfehlte meine Boje nicht, aber meine Stiefel glitten an dem Kunststoff ab. Die Wolken hatten sich jetzt verdichtet, verliefen immer noch parallel zueinander, aber jetzt wie zwei Baumstämme, deren Kronen hinter den Bergen verschwanden. In dem Moment, in dem ich das Gleichgewicht verlor, packte ich einen etwas herunterhängenden Zweig, einen dünnen Arm, der aus der seidigen Borke ragte, und zog mich hoch, Julian stand sicher mit einem Bein auf seiner Boje, wie ein Hundertmeterläufer auf einem Standbild halb in der Luft, und reichte mir seine kleine Hand. Ich schwang ihn hoch in einem Bogen und er juchzte, ich setzte ihn auf meine Schultern. Die Urwaldgeräusche am Ende des Songs, so habe ich sie immer gehört, gingen über in den getrommelten Marschrhythmus, und Julian hüpfte auf und ab vor Freude, bis nur noch das leise Zischen des Flusses, das Knautschen und Knistern der der Wolken, die sich unmerklich verschoben, die Schaumflocken des Windes zu hören waren. „Strawberry Fields Forever“, John, war verklungen. Julians Füßchen passten genau in meine Hände, er hielt sich an meinem Haaren so fest, dass es fast weh tat. Die Pause zwischen zwei Songs, von jeher ein magischer Abgrund, gerade bei diesen beiden, die so symbiotisch waren, aber eben auch ein Abgrund… ich hatte versucht, mit ihm zu spielen. Meine Stimem klang sicherer, genau in diesem Moment, als mir zumute war. „Du hast den Trick doch schon heraus. Klettern wir nach oben.“ Er ließ los und fing mit einem kleinen krummen Finger mühelos eine der feinen Perlenschnüre ein, die die Unterseite der Wolkenstämme bedeckte. Der Gedanke, dass sie reißen und er in den eisigen Strom stürzen könnte, kam im gar nicht. McCartney ging jetzt zurück, die Penny Lane hinunter und setzte sich und betrachtete seine Straße und demselben blauen Himmel wie wir, weit weg. Die schaukelnden Klavierakkorde, das leise Trillern einer Flöte, und Pauls Worte, so unbes
chwert, als wäre nichts leichter, als in die Vergangenheit zurückzureisen und unbeschwert eine Szenerie zum Leben zu erwecken, die doch längst verblüht und zerfallen war… Julian sagte: „Papi, kommst du auch?“ und hangelte sich weiter nach oben, er leckte an dem Gespinst, das seine Hände umfassten, wie an einem Eis.
„Ja, Jules, bin gleich da.“ Die wabernden Lianen sonderten feine Tröpfchen ab, die unsere Gesichter und die Augen bedeckten, so dass wir nicht blinzeln mussten. Trotzdem wischte ich mir darüber.
„Papi, warum weinst du?“ Julian schaute mich an, ihm blieb nichts verborgen. Ich schloss zu ihm auf. „Ein bisschen.“ Ich lächelte schwach. „Weißt du, manchmal passiert was, wie jetzt gerade, da bin ich glücklich und traurig zugleich, vielleicht weil es so schön ist und schon wieder vorbei.“ Seine großen Augen, ich zog ihn an mich und küsste ihn auf die Stirn. „Und bei „Penny Lane“ muss ich fast immer flennen.“ Die Bach-Trompete, hörte er sie auch? Natürlich, wie auch nicht, sie durchmaß mit ihrem klaren feinen Klang den Traum, tanzte über die Fältchen im Wasser, ließ sie bronzen erglühen. Ich warf einen Blick nach unten. Der Neckar wand sich durch die Berge wie ein von Julian sorgsam zurecht gebogenes Drahtstück, schimmernd, wand sich in einer lang gezogenen Kurve durch die dahingewürfelten Häuser auf den Hängen… Julian umschlang mein Bein, fast konnte er es ganz umfassen, wir sinken in einer weiten Trudelbewegung nach unten, der Luftstrom fegte meine Kapuze nach hinten, bis wir auf den Wellen aufkamen. Wir fanden wie von selbst die kleinen Vorsprünge, die uns Halt gaben. Julian stellte seine Füße auf meine, „Pantoffelexpress, Papi!“, und ich wankte mit ihm auf eine kleine spiegelnde Insel genau in der Mitte des Flusses, vielleicht erhob sich hier unter der Wasseroberfläche der Boden und erzeugte so einen kleinen Strudel, in dessen ruhendem Auge wir nun Halt machten. Die Wellen um uns in ihrer steten Bewegung schienen zu atmen, Millionen kleiner glitzernder Föten, die in der Wärme des Wassers schlummerten. Ich strich mit der Hand über das Zickzack der Mäuerchen, die sich den Hang bis zum Philosphenweg hinaufzogen, die borstigen festen Kronen der Apfelbäume auf den vermoosten Grasflächen dazwischen, der Wind roch jetzt nach Schnee und irgendwoher hörte ich jemanden mit einer hellen Glocken winken. Zeit, Heim zu gehen.   
„Papi, was hast du da?“
Ich öffnete meine Hand und ließ ein paar raue gefrorene Kügelchen in seine fallen, woher sie auch immer kamen, von der tiefblauen Schneise über uns, auf der jetzt mehr und mehr Sterne blinkten, waren sie nicht gekommen. Ich setzte mich hin, betastete den weichen glitzernden Sand auf unserer kleinen Insel, Julian ließ sich neben mir nieder. 
Mir war plötzlich, als seien wir nicht mehr allein hier, nicht mehr die einzigen, die das leise Tosen betrachteten, den Tröpfchenschleier, der die Alte Brücke und die Häuser auf der anderen Seite matt zurücktreten ließ, die den Duft der noch im Gras schlummernden Narzissen ahnten, die bald den Hang hinauf zur Uferstraße besprenkeln würden… Die Gitarre klang anders, etwas härter angeschlagen und zugleich markanter, eine zweite kontrapunktierte die Melodie jetzt, und die Bachtrompete, sonst Girlanden windend, eine fernes, kaum hörbares Echo. Julian klettert auf meine Knie, stützt sein Kinn auf seinen kleinen Fäustchen ab, sie sitzen neben uns, ein paar Meter weiter auf einer Bank, Paul nickt uns kurz zu, John, dessen runde Gläser sich beschlagen haben, folgt den Fingern seiner linken Hand, beachtet uns nicht. 
„Wo warst du, Papi, als die das Lied gespielt haben?“ Julians Stimme klang etwas heißer. Ich zog ihn hoch. „1967?  Da war ich–“, noch nicht auf der Welt, wollte ich sagen, ich bin erst ein paar Jahre später geboren. Aber ich sagte: „Ich weiß nicht genau, Jules. Kann sein, dass du und ich und John und Paul zusammen auf einer Bank in einem Park saßen, in der Sonne…“ Die beiden hatten ihre Gitarre dabei, so wie jetzt, der Wind ließ unsere Finger weiß werden, aber das machte nichts. Wir hörten ihnen zu, während ein paar Tauben unter uns herumpickten und ein älterer Herr im schwarzen Anzug auf der Bank neben uns die „Times“ umblätterte und dabei immer wieder zu uns herüberschaute. „Auf Johns runden Brillengläsern sind ein paar Tropfen, aber das stört nicht. Das Morgenlicht, das durch die Bäume fiel, brachte das Holz von Pauls Gitarre zum Schmelzen. Bei den letzten Takten haben sie ihre Instrumente sinken lassen, sangen einfach die Worte, there beneath the blue suburban skies. Und wir hörten ihnen zu, du und ich.“
Ich glaube, wir hätten es nicht geschafft, wenn alles wie geplant gelaufen wäre. Die Bootsanlegestelle vor dem Hotel „Vier Jahreszeiten“, zwei schwarze Zylinder, wie ein abgesägtes Schlauchboot und ein Tor davor, trieb von uns weg. John und Paul ließen „Penny Lane“ verhallen, und uns fehlte jeder Halt, die dünne Schnüre, die nun zwischen den Bäumen hindurchtrieben, zerrissen zwischen meinen Finger, und der Sand glitschte unter mir weg. Wir waren mitten im Fluss, ich und mein kleiner Sohn, und die Leute, die die den Pfad am Ufer entlangspazierten, was mochten sie wohl sehen? Wenn sie uns sahen. Panik entzündete sich in meinem Nacken, verhakte sich hinter meiner Stirn zu Eiskristallen, ich schätzte die Entfernung zu den kahlen Büschen, dem Geländer auf der Altstadtseite ab, das Wasser hatte nicht mehr als 3, 4 Grad, wie lange konnte ein dreijähriges Kind das überleben, da hörte ich ihn, John setzte erneut ein. Die Single hatte sich ein weiteres Mal gedreht auf dem Plattenteller, Strawberry Fields Forever, aber ohne das Fiepen der Kinderorgel. Er begleitete sich nur auf seiner Akustikgitarre, ich sah ihn jetzt wieder auf der Bank sitzen, Paul hat die Beine übereinandergeshalgen, den Arm auf der Lehne oder auf Johns Schulter, das konnte ich nicht erkennen. Als spielt er ihn zum ersten Mal, zum allerersten Mal, mal übernehmen seine Finger die Führung, mal folgen sie den Worten, die sich den Weg bahnen die Jahre zurück, zögernd und balancierend, bis er wieder jenes Kinderheim sieht hinter dem hölzernen bunt bemalten Zaun. Das Leben ist einfach, wenn du die Augen schließt, und wir befolgen jetzt John Lennons Rat. Ich nehme Julian auf den Arm, sein kleiner Kopf ruht auf meiner Schulter, und wir verließen unsere kleine Insel, ich schritt bergan durch die Luft, eine Kaskade aus kristallenen Kieselsteinen, die unter meinen Sohlen knirschten und wegspritzten, die klickerte und rutschte und sich wieder festigte, ein Strand aus Murmeln, den ich hinaufschlenderte. Das Tor war unve
rschlossen, ich schob mich hindurch, der Steg ruckte in seiner Verankerung kurz nach links und rechts, als hätte ich ihn im Schlaf gestört. Jules schlief jetzt, sein Strickmützchen war ihm über die Augen gerutscht. Ich zog den Reißverschluss auf und drückte ihn an meine Brust, bedeckte ihn, sein Herz schlug ruhig und schnell.  
Ohne Hast spazierte ich die Brücke hinauf, der Lautsprecher stand stumm auf der Balustrade, wie ein Stein, den man bei deren Bau vergessen hatte. Der Wind fegte von hinten unter meinen Mantel. Ich zog den Reißverschluss über Julian zu, bis dicht unter seinen feinen Flaum am Hinterkopf. 
Ich warf einen Blick auf das Handy. Meine Frau hatte angerufen, vor ein paar Minuten. 
„Jessie? Was gibt’s?“
Ihre Stimme klang konzentriert und leicht gepresst und so, als habe sie die Worte hunderte Male geprobt, bis der Zeitpunkt gekommen war. „Pat, bitte komm nach Hause. Ich glaube, es geht los.“